Seit sich die Politik bewusst ist, dass wirtschaftliches Wachstum (vor allem) eine regionale Dimension hat, wird mit viel Engagement an der Implementierung von regionalökonomischen Konzepten gearbeitet. In diesem Zusammenhang rückt ab Mitte der 80er Jahre der Begriff "Cluster" verstärkt in den Mittelpunkt der politischen Diskussion.
Der Begriff steht für die räumliche Konzentration von Unternehmen bzw. Betrieben einer Industrie. Mit ihm sind zahlreiche wirtschaftspolitische Erfolge der letzten 2 Jahrzehnte untrennbar verbunden. Man denke z.B. an Silicon Valley (USA), Silicon Glen (Großbritannien) oder den heimischen Automobilcluster in der Steiermark.
Cluster und Wirtschaftspolitik
In einer Verkehrung von Ursache und Wirkung werden allerdings Cluster immer wieder als ein Instrument der Wirtschaftspolitik dargestellt, das der Politik – sofern genügen finanzielle Ressourcen vorhanden sind – jederzeit und an jedem Ort zur Verfügung steht. In letzter Konsequenz bedeutet diese Sichtweise, dass jede Region, sei sie noch so strukturschwach oder an der Peripherie des Geschehens, allein durch die hoch subventionierte Ansiedlung von Unternehmen im intraregionalen Vergleich rasch und nachhaltig an Wettbewerbsfähigkeit gewinnen kann. Was stimmt an diesem Bild nicht?
Cluster sind weniger Instrument als ein Phänomen der Wirtschaftspolitik. Dies bedeutet, dass die Politik vor allem anderen zu hinterfragen hat, wie dieses Phänomen entstehen kann bzw. wie man seine Entstehung fördern kann.
Zentrale Elemente des Cluster-Konzepts
Die wissenschaftlichen Grundlagen existieren nicht erst seit kurzer Zeit. Sie wurden bereits vor über 100 Jahren durch den englischen Ökonomen Marshall gelegt, der als erster die positiven Effekte für Unternehmen durch die regionale Konzentration der Produktion erkannte.
Diese "technologischen" Effekte sind heute integraler Bestandteil des umfassenderen Konzepts der Agglomerationsvorteile, die im Zusammenhang mit dem Cluster-Modell große Bedeutung haben. Sie beschreiben Einsparungen bzw. Produktivitätsgewinne für Unternehmen, die aus der physischen Nähe der Unternehmen zueinander (räumliche Konzentration) und des Niveaus der wirtschaftlichen Aktivität vor Ort (Outputniveau) resultieren.
Die Nähe der Unternehmen zueinander erhöht die Verfügbarkeit der Inputs (Vorprodukte und Dienstleistungen), während das höhere Produktionsniveau im Bereich der Inputs die Stückkosten senkt (Skaleneffekte). Ein gutes Argument also für Unternehmen, sich in bestehende Agglomerationen zu integrieren.
Ansatzpunkte der Regionalpolitik
Die Schaffung und Pflege dieser standortbezogenen Vorteile ist daher der zentrale Ansatzpunkt der lokalen bzw. regionalen Wirtschaftpolitik im Rahmen der Initiierung und Entwicklung von Branchencluster. Bestehende Agglomerationen (Städte) verfügen bereits (in Abhängigkeit von ihrer Größe) über die notwendige Grundausstattung an Agglomerationsvorteilen und sind daher als Unternehmens- bzw. Clusterstandort prädestiniert. So ist z.B. der Großraum Wien ein bedeutendes Gravitationszentrum im Mitteleuropäischen Raum.
Eine gezielte Infrastruktur- und Ansiedlungspolitik (Stichwort Leitbetriebe) kann die politisch erwünschte Schwerpunktsetzung unterstützen. Ein gutes Beispiel dafür ist die gegenwärtige Initiative der Stadt Wien im Bereich Biotechnologie. Hier zeigen sich allerdings auch die großen Schwierigkeiten, mit denen man im Zusammenhang mit Clustern konfrontiert sein kann. Wie geht man z.B. im Rahmen der Ansiedlung von Branchen vor, die keine oder nur wenig lokale Tradition in der Zielregion besitzen, sei es z.B. weil der Sektor selbst relativ jung ist?
Cluster und lokalisierte Kompetenzen
Die Erfahrungen aus vergangenen Cluster-Projekten zeigen, dass die Ansiedlungspolitik vor allem dort große Chancen hat, wo sie auf lokale Traditionen bzw. Kernkompetenzen (durchaus auch in neuem Kontext) aufsetzt. Der Erfolg des steirischen Automobilclusters bestätigt dies eindrucksvoll, wenn man dort auch das Glück hatte, eine kritische Produktionsschwelle (Auto/Jahr) zu überspringen. Denn erst dadurch wurde die Ansiedlung eigener Zulieferbetrieben im räumlichen Umfeld der Grazer Endmontage wirtschaftlich sinnvoll.
Im Biotechnologiebereich wie überhaupt im gesamten Life-Science-Sektor bestehen diese Traditionen in Österreich nicht. Trotzdem kann eine ambitionierte Standortpolitik in diesem Bereich große Potenziale für die Zukunft erschließen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass der Biotech-Bereich sich in der Frühphase seines Industrielebenszyklus befindet und in seiner weiteren Entwicklung noch wichtige Wachstumsimpulse liefern kann. Sei es durch die Schaffung und Sicherung von hochwertigen Arbeitsplätzen in der Region oder durch die Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit der regionalen Wirtschaft durch Know-How-Transfer und höhere Innovationsraten in der Zukunft.
Der Zeitfaktor wird unterschätzt ...
Grundvoraussetzung für die Realisierung dieser positiven Effekte ist allerdings der sprichwörtliche lange Atem, die konsequente Verfolgung der langfristigen Perspektive durch die Wiener Politik. In dieser Hinsicht sind z.B. die eindeutigen Mehrheitsverhältnisse im Wiener Landtag positiv zu beurteilen, denn im Gegensatz zur Steiermark, wo die Effekte der Betriebsansiedlung von Chrysler relativ rasch spürbar waren, könnte es in Wien im Zusammenhang mit der nachhaltigen Etablierung eines Biotech-Clusters eher länger dauern.
Fazit
Das Cluster-Konzept ist eine beeindruckende regionalpolitische Vision. Um sie umzusetzen, muss die Politik die Grundlagen in den potenziellen Cluster-Standorten, d.h. in den großen Agglomerationen, weiter entwickeln. Dazu gehört u.a. die Schaffung einer leistungsfähigen Infrastruktur in der Region (u.a. auch Bildungs- bzw. Ausbildungsinfrastruktur), um die optimale Interaktion und Vernetzung der einzelnen Unternehmen zu ermöglichen.
Die Regionalpolitik ist allerdings auch gleichzeitig ein Bereich, in dem die handelnden Personen langfristig an der Umsetzung ihrer politischen Zielsetzungen arbeiten müssen. Schnelle Erfolge sind in diesem Bereich nicht zu haben. Zudem muss jeder Erfolg stets aufs Neue im Standortwettbewerb mit anderen Regionen bestätigt werden.
Erschienen in: ChemieReport 6/02